„Der Vater verheiratete seine von Geburt an blinde Tochter mit einem Bettler – und was danach geschah, überraschte viele.“ Zainab hatte die Welt nie gesehen, doch sie spürte ihre Grausamkeit mit jedem Atemzug. Sie wurde blind in eine Familie hineingeboren, die Schönheit hochhielt…

„Der Vater verheiratete seine von Geburt an blinde Tochter mit einem Bettler – und was danach geschah, überraschte viele.“ Zainab hatte die Welt nie gesehen, doch sie spürte ihre Grausamkeit mit jedem Atemzug. Sie wurde blind in eine Familie hineingeboren, die Schönheit hochhielt…

Zainab wandte sich ihrem Vater zu. Sie brauchte ihn nicht zu sehen, um die verkümmerte Gier zu spüren, die aus seinen Poren strömte.

 

„Du verstehst es immer noch nicht, Vater“, sagte sie mit eiskalter Stimme. „Ein Handel entsteht, wenn man Dinge wertschätzt. Wir schätzen unser Leben. Heute haben wir unser Schweigen mit einem Leben erkauft. Das ist die einzige Währung, die zählt.“

 

Sie streckte die Hand aus und ergriff Yushas Hand. Seine Haut war kalt, sein Geist erschöpft.

 

„Geh zurück in deinen Schuppen, Vater“, befahl sie. „Die Suppe steht auf dem Herd. Iss und sei dankbar, dass die Geister dieses Hauses gnädig sind.“

 

An diesem Abend, als die Sonne hinter den Bergen versank und einen Sonnenuntergang malte, den Zainab nie sehen würde, aber als schwindende Wärme auf ihrer Haut spüren konnte, lehnte Yusha seinen Kopf an ihre Schulter.

 

„Sie werden eines Tages zurückkommen“, flüsterte er. „Der Junge wird sich erinnern. Der Bote wird berichten.“

 

„Sollen sie doch kommen“, erwiderte Zainab und fuhr mit den Fingern über die Narben in ihren Handflächen – Narben vom Feuer, Narben von jahrelangem Betteln und die frischen Schnitte der nächtlichen Operation. „Wir haben lange genug in der Dunkelheit gelebt, um zu wissen, wie wir uns darin zurechtfinden. Wenn sie den Arzt holen wollen, müssen sie erst an dem blinden Mädchen vorbei.“

 

In der Ferne setzte der Fluss seine unermüdliche Reise fort und bahnte sich einen Weg durch das Gestein – ein Beweis dafür, dass selbst das sanfteste Wasser den härtesten Berg brechen kann, wenn man ihm nur genug Zeit gibt.

 

Die Luft im Tal war mit dem Einbruch eines strengen Winters dünn geworden, zehn Jahre nach der Nacht des blutigen Kutschunfalls. Das Steinhaus war erweitert worden und hatte einen kleinen Flügel erhalten, der als Klinik für die Unberührbaren diente – die Leprakranken, die Mittellosen und jene, die die Ärzte der Stadt für „nicht mehr zu retten“ hielten.

 

Zainab bewegte sich mit geisterhafter Anmut durch die Krankenstation. Sie brauchte keine Augen, um zu wissen, dass Bett Drei mehr Weidenrindentee gegen sein Fieber benötigte oder dass die Frau am Fenster still weinte. Sie konnte hören, wie das Salz auf das Kissen rieselte.

 

Yusha war nun älter, sein Rücken leicht gebeugt von den Jahren, in denen er sich über zitternde Körper gebeugt hatte, doch seine Hände blieben die sicheren Werkzeuge eines Meisters. Sie lebten in einem fragilen, hart erkämpften Gleichgewicht – bis der Klang der silbernen Trompeten den Morgennebel zerriss.

 

Diesmal handelte es sich nicht um eine einzelne Kutsche, sondern um einen ganzen Festzug.

 

Die Dorfältesten eilten auf den Feldweg und beugten sich so tief, dass ihre Stirnen den Frost berührten. Ein junger Mann, in Pelze aus anthrazitfarbener Seide gehüllt und mit dem Siegelring des Provinzgouverneurs bekleidet, betrat den gefrorenen Boden. Er war nicht länger der gebrochene Junge mit dem verfaulten Oberschenkel; er war ein Herrscher mit einem Schleier, der wie ein Winterwind schnitt.